Die Freiheit, die Stasi und der Tod – Das kurze Leben des Matthias Domaschk

TV-Dokumentarfilm, 90 Minuten | Im Auftrag des MDR und RBB, ein Film von Sabine Michel und Sonia Otto | Gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Sendetermin: ARD 9.11.2026 um 22.50 Uhr

Am Freitag, dem 10. April 1981, steigen der dreiundzwanzigjährige Matthias Domaschk und sein Freund Peter Rösch gut gelaunt in einen Zug nach Ostberlin. Während in der Hauptstadt der DDR an diesem Wochenende der X. Parteitag der SED aufwändig zelebriert wird, wollen die beiden jungen Männer aus Jena zu einer Geburtstagsparty von Freunden. Die beiden werden Berlin nie erreichen. Zwei Tage später ist Matthias tot – gestorben in einem Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit. Er soll sich an seinem eigenen Hemd erhängt haben. Matthias‘ Familie und Freunde zweifeln bis heute am angeblichen Selbstmord des jungen Vaters. Zu vieles scheint merkwürdig. Die Staatssicherheit versucht nach Matthias‘ Tod mit allen Mitteln die Tragödie zu verschleiern und sogar seine Beerdigung geheim zu halten. Was ist am 12. April 1981 wirklich im Untersuchungsgefängnis passiert?
 
Julia Deane, Matthias Domaschks Tochter, geboren 1976: „Ich will verstehen, was passiert ist. Und ich will auch verstehen, was war das für eine Gesellschaft, die das so hat geschehen lassen oder die dazu beigetragen hat.“
 
Stefanie Domaschk, Matthias Domaschks Schwester: „ Diese Anpassung, die man in der DDR haben musste, um eben in bestimmten Positionen zu sein, da hat mein Bruder gesagt, das mach ich nicht mit, so verbiege ich mich nicht. Ich will diese Doppelzüngigkeit, die will ich nicht.“
 
Packend und zugleich komplex zeichnet die Dokumentation von Sabine Michel und Sonia Otto die Geschichte junger Menschen in der DDR, die einen anderen Lebensentwurf haben als ihre Eltern. Sie wollen reisen, internationale Rockmusik hören und selbstbestimmt leben. Sie träumen von einem „freiheitlichen“ Sozialismus. Weil sie anders sind, geraten sie ins Visier der Staatssicherheit, die präventiv zuschlägt. 
 
Bernd Roth, damals Hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS: „Man hat diese Leute als Dekadente aufgefasst, die möglicherweise dazu neigen könnten, in der DDR eine Opposition aufzubauen. Wenn du dafür warst, warst du auf der richtigen Seite. Wenn du dagegen warst, warst du auf der falschen Seite.“ 
 
Politisiert durch die Gewalt der paranoiden Staatsmacht, treten Matthias Dommaschk und seine Freunde für ihre Rechte ein. Sie unterzeichnen 1976 den Appell der Künstler gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Renate knüpft Matthias Kontakte zu oppositionellen Bewegungen in der Tschechoslowakei und Polen.
 
Renate Ellmenreich, Mutter der gemeinsamen Tochter Julia: „ Matthias war sofort dafür, gegen die Biermann-Ausbürgerung zu unterschreiben und hat dann auch gesagt, wenn unser Kind mal fragt, was habt ihr denn gemacht? Dann können wir ihm in die Augen gucken und sagen, wir haben uns gewehrt, so gut wir konnten. Wir haben nicht Nichts gemacht.“
 
Die Reaktion des Staates ist unbarmherzig. Die Jugendlichen gehören ab da zum sogenannten politischen Untergrund. Sie sind nun Staatsfeinde und müssen bekämpft und zersetzt werden. Wie viele, wird auch Matthias inhaftiert und von einer Ausbildung ausgeschlossen. Andere werden gegen ihren Willen ausgebürgert. Die, die bleiben, werden rund um die Uhr beschattet und immer wieder verhaftet und verhört. Am 10. April 1981, dem Wochenende des X. Parteitages der DDR, trifft es Matthias und Peter. Zwei Tage später ist Matthias tot.
 
Der unaufgeklärte und gewaltsame Tod von Matthias Domaschk wird zum Symbol für den erstarkenden Widerstand gegen die Diktatur in der DDR. Der autoritäre Umgang der Staatsmacht mit diesem Fall schockiert, empört und politisiert die kritischen Teile der Zivilgesellschaft. In den folgenden Monaten und Jahren nehmen die Proteste zu, sie werden radikaler, angstfreier. Sie sind ein wichtiger Teil der Kräfte, die 1989 zur Friedlichen Revolution führen. Nach dem Mauerfall ist die jahrzehntelange und bis heute anhaltende Suche nach der Wahrheit, auch eine Parabel über die schwierige Aufarbeitung einer Diktatur in einer Gesellschaft.
 
Roland Jahn, Freund von Matthias und Mitbegründer der Friedensgemeinschaft Jena, späterer Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR: „Matthias ist jung und gesund ins Gefängnis gekommen und tot wieder raus. Das ist die Verantwortung dieses Staates, der Staatssicherheit, der SED und aller, die mitgemacht haben und diesen Staat getragen haben. Alle haben ein kleines Stück dazu beigetragen, dass er zu Tode gekommen ist. Aber keiner will’s gewesen sein.“
 
Die Freiheit, die Stasi und der Tod – Das kurze Leben des Matthias Domaschk ist ein Cold Case von aktueller Bedeutung. Die Schlüsselerlebnisse werden erstmalig multiperspektivisch von seinen wichtigsten Angehörigen und Freunden, durch private Dokumente und durch Einblicke in den Apparat der Staatssicherheit erzählt.
Umfangreiches Film- und Foto-Archivmaterial und animierte Szenen nehmen uns mit auf eine Zeitreise in das Leben der 70er und 80er Jahre in der DDR. Wir lernen Matthias als einen Menschen kennen, mit dem wir uns identifizieren können. Seine Träume und kritischen Haltungen damals sind auch für junge Menschen heute leicht nachzuempfinden. Die Frage nach der individuellen Verantwortung des Einzelnen in einer Gesellschaft stellt sich uns allen heute wieder mehr denn je.
 
Matthias Domaschk

Buch und Regie: Sabine Michel

Co-Autorin & Co-Regisseurin: Sonia Otto

Kamera: Anne Misselwitz

Schnitt: Katrin Ewald

Redaktion: Ina-Kathrin Hüttig (MDR) und Rolf Bergmann (RBB)