Inge mit Bruder und Mutter
Christiane Völling

Tabu Intersexualität
Menschen zwischen den Geschlechtern

Erstausstrahlung: ARTE, 8. Oktober 2010, 22.40 Uhr
Wiederholung: ARTE, 16. Oktober 2010, 13.00 Uhr

Ein Film von Britta Dombrowe
Produktion: THURN FILM
Redaktion: Linde Dehner
52 Minuten, Dokumentation

Öfter als wir glauben stockt der Hebamme der Atem beim Ausruf: „Ein Mädchen!“ oder „Ein Junge!“. Jedes 5000. bis 3000. Neugeborenen ist weder das eine noch das andere. Offiziell gibt es sie gar nicht, die „Hermaphroditen“, „Zwitter“ oder „Intersexuellen“: Das Geschlecht eines Kindes muss in nur wenigen Tagen in die Geburtsurkunde eingetragen werden – zur Auswahl stehen dort zwei Möglichkeiten: männlich oder weiblich.

Eltern und Mediziner fühlen sich oftmals unter Zugzwang schnell Eindeutigkeit zu schaffen. So genannte „geschlechtszuweisende“ Operationen im Säuglingsalter sind an der Tagesordnung. Eine Praxis, die zunehmend in die Kritik gerät. Über die Lebenswege von Intersexuellen, aber auch über den Umgang mit ihnen in Wissenschaft und Medizin wissen wir wenig. Dass es weit mehr als Mann und Frau gibt, darüber berichtet die 52-minütige Dokumentation der Filmemacherin Britta Julia Dombrowe.

Geschlecht ist auf verschiedenen biologischen Ebenen ablesbar: In den Chromosomen, den Hormonen und in den Geschlechtsorganen. Bei einer normalen Entwicklung stimmen alle Faktoren überein, bei der Intersexualität stehen sie im Widerspruch: So gibt es Menschen, deren Geschlechtsorgane weiblich sind, aber sie haben XY-Chromosomen wie ein Mann. Manche besitzen Penis und Scheide, wiederum andere kommen als „Mädchen“ zur Welt und erst in der Pubertät wird aus dem „Mädchen“ ein junger „Mann“.

Die Wissenschaft steht ganz am Anfang: Erst in den vergangenen Jahren hat sie begonnen mit Hochdruck die Ursachen für Intersexualität zu erforschen: Der neue Fachbegriff lautet nun DSD – Disorder of Sexual Developement und fasst über 25 unterschiedliche Diagnosen zusammen. Viele Betroffene stehen der Medizin sehr kritisch gegenüber. Zu oft haben Mediziner über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden, was sie „wirklich“ sind. Die Chirurgie passt die Kinder an die Norm an, technisch ist dabei alles möglich, ob Penis oder Scheide. Die Eltern sind oftmals froh über die geschaffene Klarheit, denn Freunde und Verwandte fragten unablässig nach.

Seit den 50er Jahren folgt die Medizin den Thesen des amerikanischen Psychologen John Money, der allein die Erziehung zu einem Geschlecht hin für ausschlaggebend hielt. Damit das Umfeld aber eine klare Erziehung vornehmen kann, braucht das Kind einen eindeutigen Körper: Schon Säuglinge kommen auf den OP-Tisch. Das Problem dabei: Niemand kann sagen, als was sich das Kind später fühlen wird: Als Mann oder als Frau? Auch wird sensibles Gewebe zu Gunsten der Eindeutigkeit geopfert.

Die Dokumentation erzählt die Geschichte der 4-jährigen Inge, die mit uneindeutigem Geschlecht zur Welt kam. Trotz Anraten der Ärzte zu einer schnellen „Korrektur“ entschieden sich die Eltern das Kind zu lassen wie es ist. Inge soll später selbst entscheiden können als was sie leben möchte. Diese Wahl hat die Intersexuelle Christiane Völling (50) niemals gehabt: Bei ihrer Geburt wurde das Mädchen auf Grund einer vergrößerten Klitoris männlich zugewiesen. Später wurden ihr ohne Aufklärung Gebärmutter und Eierstöcke entfernt. Erst dreißig Jahre nach der Operation erfährt sie aus den Akten, dass man ihr ihre Weiblichkeit genommen hat. 2008 verklagt sie den Chirurgen – der Film zeigt die Bilder des spektakulären Gerichtsprozess.

ARTE-Webseite

Dr. Georg Schreiber-Medienpreis:
Der Dokumentarfilm „Tabu Intersexualität – Menschen zwischen den Geschlechtern“ (2010) der jungen Autorin Britta Julia Dombrowe gewinnt den Dr. Georg Schreiber-Medienpreis in der Kategorie Fernsehen. Es gelingt der wissenschaftlichen Dokumentation medizinische Hintergründe ebenso zu vermitteln, wie die erschreckende Tatsache, dass viele zweigeschlechtlich geborene Kinder auch heute noch zur „Eindeutigkeit“ hin operiert werden. Eine kulturelle, medizinische und  juristische Grauzone. Der Preis wird in dem Bestreben verliehen herausragende journalistische Arbeiten auszuzeichnen, die auf vorbildliche Weise dazu beitragen, sowohl die Berichterstattung im Bereich Gesundheit und Soziales zu optimieren, als auch die Rezipienten zu animieren, sich mit sozialen und gesundheitspolitischen Themen auseinanderzusetzen.
In Zusammenarbeit mit den Nachwuchsjournalisten in Bayern (NJB) e.V. und mit Unterstützung der Deutschen Journalistenschule (DJS) e.V. München wird der Preis zur Förderung des journalistischen Nachwuchses jährlich von der AOK-Bayern ausgeschrieben. Er ist mit insgesamt 25.500 Euro dotiert.